Ergotherapie hilft Kindern Selbstvertrauen zu entwickeln

28. Oktober 2025

„Hier lernst du, dich zu spüren“

Von der Decke hängen Taue, auf dem Boden liegen dicke Matten, an der Wand lockt eine Zielscheibe. Hier lässt es sich gut klettern, Matratzenburgen bauen, mit Pfeilen schießen oder einfach in der Hängematte liegen. Für Ergotherapeut Christof Nolte ist die „Piratenschule“ der Lieblingsraum in seiner Praxis in Korbach – dies ist ein Ort, an dem Kinder lernen, sich selbst zu spüren, laut und leise zu sein, einander zuzuhören, Mut zu haben. „Hier lernst du, dass Selbstvertrauen bedeutet, auch mal Nein zu sagen. Hier lernst du, dich zu behaupten und anzupassen. Hier lernst du, auszuhalten und zusammenzuhalten.“

Seit rund 30 Jahren arbeitet Nolte selbstständig als Ergotherapeut in Korbach und Umgebung. Gemeinsam mit sieben Mitarbeiterinnen begleitet er Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene mit einer großen Spannbreite unterschiedlicher Therapieindikationen. Besonders am Herzen liegt ihm die sogenannte Jungenarbeit. Denn rund zwei Drittel der Ergotherapie-Patienten sind Jungen – in einem Beruf, in dem es nur etwa 14 Prozent männliche Therapeuten gibt. „Wenn man mit Jungen arbeitet, entsteht oft eine besondere Verbindung“, sagt Nolte. „Jungen darf man nicht besiegen, man muss sie gewinnen!“
Im Laufe seiner Arbeit ist ihm dabei eines immer stärker aufgefallen: Entwicklungsstörungen bei Kindern nehmen zu.

Herr Nolte, Sie beobachten, dass Entwicklungsstörungen bei Kindern zunehmen. Woran liegt das?
Kinder erleben ihre Umwelt seltener über Bewegung. Früher wurde draußen viel mehr gebaut, geklettert, gespielt und gestritten. Heute passiert vieles auf Bildschirmen. Die Folge ist eine eingeschränkte Selbstwahrnehmung: Haltungsschäden, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten, motorische Schwächen – aber auch Unsicherheit im Umgang miteinander. Kinder lernen besser durch Tun, durch Reibung, durch analoge Erfahrung. Wenn das fehlt, fehlt ein wesentliches Stück für eine gute Entwicklung. Das ist mir im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden.

Wie stark spielt die Mediennutzung dabei eine Rolle?
Eine sehr große. Manche Kinder verbringen durch forcierte Digitalisierung täglich mittlerweile mehr Zeit am Bildschirm als es Erwachsene im Büro tun. Während der Pandemie ist das explodiert – und es hat sich kaum wieder normalisiert. Virtuelle Erfahrungen ersetzen keine echten. Ich erinnere mich an einen Jungen, der in unserer Praxis beim Skateboardfahren gestürzt ist. Auf meine Frage, warum er meinte, er könne das gut, sagte er: „Ich habe das zu Hause an der Wii geübt.“ Virtuell funktioniert und gelingt fast alles leichter, dort tut Stürzen nicht weh. Im echten Leben schon. Wenn ich hinfalle, lerne ich: Das mache ich nicht noch einmal so. Ich muss es anders hinkriegen. Diese Lernerfahrung fehlt bei vielen Kindern zunehmend – und genau das macht mir Sorgen. Kinder brauchen wieder mehr analoge Erlebnisse, um sich selbst und ihre Grenzen kennenzulernen.


Wie sieht so eine Therapiestunde bei Ihnen aus?
Kinder kommen in der Regel einmal pro Woche für 45 Minuten, es gibt aber auch einstündige Kleingruppenangebote, meist dauert eine Therapiephase ein bis anderthalb Jahre lang. Ganz am Anfang steht ein intensives Gespräch mit den Eltern, dann wird ein Befund erstellt, um die Ressourcen zu definieren, später arbeiten wir an Zielen, die das Kind selbst mitbestimmt. Oft geht es um Selbstvertrauen, Aufmerksamkeit, Feinmotorik, Bewegung oder emotionale Regulation.
Ergotherapeuten nutzen die Motivation und Interessen des Klienten, das heißt hier: wofür sich das Kind begeistert: Wenn einer Dinos liebt, bauen wir einen Dino. Oder ein Fahrzeug aus Holz oder eine Schatzkiste. Durch dieses Tun kommen wir an die eigentlichen Themen – etwa an Unsicherheiten in der Feinmotorik, in der Selbstorganisation oder Versagensängste. Es geht nicht immer darum, ein Problem vollständig zu lösen, sondern damit besser umgehen zu können. Kinder lernen, mit ihren Grenzen zu leben – und mit ihren Ressourcen zufrieden zu sein.

Was fällt Ihnen bei den Kindern besonders auf?
Viele Kinder haben wenig soziale Übung und sind zunehmend einsam. Oft ist die Schule der einzige soziale Raum außerhalb der Familie – und sie muss dann für alles herhalten: für Bewegungsdrang, Konfliktbewältigung, Gemeinschaftserlebnis. Das überfordert Lehrer und Kinder gleichermaßen. Wenn Kinder auffällig werden, steckt oft ein Bedürfnis dahinter: gesehen zu werden. Fehlverhalten kann auch der Versuch sein, ernst genommen zu werden.
Unsere Warteliste ist derzeit sehr lang. Der Druck nimmt zu – für Eltern, Schulen und uns. Schulen bekommen immer mehr erzieherische Aufgaben übertragen, die sie eigentlich gar nicht leisten können. Überall fehlt es an Personal, Zeit und Raum, um auf die Bedürfnisse der Kinder wirklich einzugehen. Die Ergotherapie gehört, ähnlich wie Schulsozialarbeit und Erziehungsberatung, zu den Helfersystemen.

Sie haben sich auf Jungenarbeit spezialisiert – wie kam es dazu?
Im Ursprung komme ich aus der kirchlichen Jugendarbeit. Ehrenamtlich habe ich früher Kinderstunden und Jungschar gemacht. Ich sage heute manchmal: Ich mache eigentlich immer noch Jungschar. (lacht) Es geht um das Gleiche: darum Vertrauen und Selbstvertrauen zu stärken, gemeinsam auf dem Weg und in Bewegung zu sein und sich auszuprobieren. Ich sehe einfach, wie wichtig das ist – gerade für Jungen, deren überschüssige Energie heute zunehmend als störend wahrgenommen wird.

Was macht Ihren Beruf für Sie so besonders?
Er ist unglaublich kreativ. Ich arbeite mit Menschen – und jeder Mensch ist unterschiedlich. Ziel ist es, Situationen so zu verändern, dass alle Beteiligten besser damit umgehen können. Wenn jemand etwas dazulernt oder mit seinem Nichtkönnen entspannter wird, ist das ein Erfolg. Wir haben Kinder, die an einer Vier in Mathe fast zerbrechen – und merken dann, dass es nicht um die Mathenote geht, sondern um sich selbst.
Ich sage immer: Das hier ist eine besondere Talent-Aufbau-Gruppe. Hier darf man Fehler machen und daraus lernen, hier darf man scheitern und wieder aufstehen. Denn genau das ist eine erfolgreiche Entwicklung.

Was motiviert Sie heute noch?
Ich habe mit Menschen zu tun, deren Zugang zur Welt verschränkt ist – manchmal körperlich, manchmal emotional. Wenn sie lernen, sich selbst wieder positiv wahrzunehmen, ist das ein Erfolg. Es erfüllt mich, wenn ein Kind mit mehr Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten hier rausgeht oder Eltern sagen: „Jetzt verstehen wir besser, was los ist.“
Unsere Arbeit fördert mehr analoge Aktivität – und sie schenkt echte Begegnung statt virtueller. Das ist es, was mich antreibt: zu sehen, wie Menschen wieder Verbindung zu sich selbst und zueinander finden.

Zur Person
Christof Nolte ist seit über 30 Jahren als Ergotherapeut in Korbach tätig. Seine Praxis beschäftigt derzeit sieben Mitarbeiterinnen. Er selbst hat sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert, insbesondere auf Jungenarbeit. Neben seiner Grundausbildung verfügt er u. a. über Zusatzqualifikationen in ergotherapeutischer ADHS-Beratung und Sensorischer Integrationstherapie.

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